Der Violinist Frank Stadler ist seit 1999 erster koordinierter Konzertmeister des Mozarteumorchesters Salzburg und als Solist und Kammermusiker weltweit gefragt. Neben ungewohnter Freizeit bleibt für Frank momentan auch viel Zeit, um am Instrument zu arbeiten. Wir haben in einer Übe-Pause mit ihm über das Leben und die Herausforderungen eines Konzertmeisters gesprochen.

Was meinen Beruf ausmacht, kann ich eigentlich gar nicht so genau beschreiben. Den Laien erkläre ich, dass ich derjenige bin, der am Anfang des Konzerts aufsteht und das “a” angibt. Ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, ob ich die Aufgabe des Konzertmeisters selber kapiert habe. Ein wesentlicher Punkt erscheint mir aber, dem Dirigenten möglichst radikal zu folgen.

„Wenn man als Metapher einen Dirigenten als Autofahrer nimmt, 
sollte das Orchester versuchen ein Maserati zu sein.“

In jedem Fall ist es gut, immer volle Power zu geben und schnell zu reagieren, weil man damit dem Dirigenten ein gutes Gefühl vermittelt und er dann lockerer arbeitet. Radikale Ansichten mag ich gerne, obgleich so eine Darbietung auch einmal scheitern kann.

Allerdings erntet man mit so einer Einstellung manchmal auch Gegenwind, aber gerade  bei einem Repertoire, das sich oft wiederholt, sind radikale Ansichten immer interessant, dann bleiben Spieler und Hörer frisch. Die Angst, die spezifische Klangkultur des Orchesters dabei zu sehr zu verlieren, habe ich eigentlich nicht.

DIE VERBINDUNG ZU DEN DIRIGENTEN

Es gibt für ein Werk meist sehr unterschiedliche Interpretationsansätze und damit es gut umgesetzt wird, braucht es eine gute Verbindung zwischen Dirigent und Orchester. Einen Dirigenten, der ‘nur spielen lässt’ – ohne eigene Ideen – brauchen wir eher nicht. Andererseits wird es schwierig, wenn ein Dirigent — wenngleich mit den besten Ideen bestückt —  den richtigen Rhythmus nicht findet, um den Spielern seine Vorstellungen zu vermitteln. Im Zweifelsfall holen wir aber lieber einen hervorragenden Musiker, der vielleicht einmal die Umgangsform verliert, als einen Dirigenten, der nicht viel anbietet, dafür nur nett ist. 

Generell hat sich der Typus des Dirigenten im Lauf der Jahre merklich verändert. Und beim Mozarteumorchester haben wir die besondere Situation, dass wir für unser Kernrepertoire ‘Wiener Klassik’ oft Leiter aus der Barockszene einladen. In der Regel haben sie sich mit ihrem eigenen Ensemble einen Namen gemacht, haben aber als Quereinsteiger im Vergleich zu ‘echten’ Dirigenten handwerklich klare Defizite.

Dafür bringen sie den frischen Elan der Freeland-Szene, viel Erfahrung mit kleineren Ensembles und bisweilen geradezu kühne musikalische Ideen mit. 
Und das sind oft auch Menschen, die wissen, dass sie sich noch weiterentwickeln müssen und können. Solange man gut im Gespräch ist, klappt die Zusammenarbeit meistens schon sehr gut. Zugegeben – es gibt auch noch den Fall, dass man einem Interpretationsansatz nicht gerne folgen möchte, weil man zB in der Richtung schon zu oft ohne Erfolg gebohrt hat und man schon erspürt, dass es so nix wird.

Dann spricht man gerne auch einmal mit dem Dirigenten in der Pause und versucht, doch noch Einfluss zu nehmen. Vielleicht wird man mit den Jahren auch etwas intoleranter, aber neue radikale Ideen helfen definitiv, dass es nicht langweilig wird.

Die Anfänge als Konzertmeister

Wenn man Konzertmeister im Profiorchester wird, braucht man definitiv einige Erfahrung im Voraus. Für mich war es eine schwierige Situation in der ersten Zeit. Eine Gruppe ist gewohnt, Dinge auf eine bestimmte Art zu tun. Und dann kommst du als junger Musiker ins Orchester und musst erst die bestehenden „Regeln“ kennenlernen und das Orchester führen ohne dabei rechthaberisch zu wirken. Man braucht ein dickes Fell und man muss auch lernen damit umzugehen, dass es Leute gibt, die das nicht gut finden was man macht. Ich hab mir zu Beginn selber den Bonus und die Zeit gegeben, weil ich gewusst habe, dass es noch viel zu lernen gibt. Tatsächlich war für mich die erste Zeit als Konzertmeister sehr anstrengend.

„Es entsteht auch Druck, aber das versucht man auszublenden.“
Wenn man es allen Leuten recht machen will, klappt es sowieso nicht. Mit den richtigen Anweisungen, dem richtigen Feedback zur rechten Zeit, kann man gerade auch in dieser Position vieles lernen und sich entwickeln. Für mich als junger Spieler war es aber schwierig, die richtigen von den nicht so zielführenden Ratschlägen zu unterscheiden. 

Der soziale Aspekt als MusikerIn

Ich kann mir vorstellen, dass es bei jedem anderen kleinen Betrieb ähnlich ist wie bei uns. Jetzt meine ich die sozialen Kontakte, die Freuden beim Zusammenarbeiten und auch die kleinen Reibereien. Durch das Musizieren haben wir aber vielleicht doch einen besonders engen, intensiven und auch emotionalen Austausch untereinander. Mit einer inneren Distanz Musik abzuspielen, klappt einfach nicht, klappt zum Glück nicht! Im besten Fall fühlt sich ein Orchester wie eine Band an, eine große Band! Aber dabei gibt es natürlich auch zwischenmenschliche Herausforderungen zu meistern. Ich möchte diese Erfahrungen nicht missen. Im Orchester sieht man die Herausforderungen der Gesellschaft wie unter der Lupe. 

Die Klassik und der Weg in die Zukunft

Wieviele musikalischen Meisterwerke in den letzten Jahrhunderten entstanden sind, ist großartig. Diese Höhenflüge der menschlichen Schöpfungskraft dem Publikum immer wieder neu zu schenken, bleibt unsere Aufgabe. Auch wenn 2020  jederzeit jede Musik verfügbar ist, erschließt sich der Reichtum der großen Werke doch erst bei einer eingängigeren Beschäftigung. Wir Musiker helfen dabei, das Erbe der großen Musik am Leben zu halten, indem wir uns immer wieder aufs Neue damit selber auseinandersetzen und sie für die Zuhörer auf die Bühne bringen.