Interview – Edward Bartlett

Edward Bartlett war als Fagottist 40 Jahre lang Mitglied des Mozarteumorchesters. Für unseren Blog hat Eddie Mitte Februar ausführlich über seine lange Zeit im Orchester und seine ganz persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse erzählt.

Wann hast du deine Tätigkeit im MOS begonnen und wie bist du nach Salzburg gekommen?

Ich habe damals im Mai 1980 beim MOS begonnen. Davor habe ich fünf Jahre in Wien studiert, dann war die Stelle beim Mozarteumorchester ausgeschrieben und alle Wiener haben sich beworben. Sechs Monate haben wir gar nichts gehört und ich dachte zuerst, dass die in Salzburg keine Wiener haben wollen. Es gab da eine Zeit, wo ich darüber nachdachte, den Beruf aufzugeben, weil ich immer nur Zweiter bei Probespielen war. Ich war am Rückweg aus Amerika und dachte mir: „So, jetzt ist Schluss. Ich fahre zurück nach Wien, packe meine Sachen und gehe nach Amerika zurück und aus ist es.“ Als ich in der Wohnung ankam, lag da die Einladung zum Probespiel in Salzburg. Ich hatte zwei Wochen Zeit für die Vorbereitung und es hat tatsächlich geklappt. 

Nur zwei Wochen später habe ich begonnen, dann war gleich vier Wochen Sommerurlaub, dann Festspiele und danach gleich wieder zwei Wochen Urlaub. Da dachte ich: „Hey das ist ein super Job“, …aber dann kam der Winter, da gab‘s mehr als genug zu tun.

Es ist wirklich eine schöne Zeit gewesen im Orchester! Meine Tochter kam zur Welt, als ich bereits 15 Jahre im Orchester gespielt hatte. Da habe ich ein Jahr Karenz genommen. Das war wirklich eine gute Sache. Ich sage nicht gerne „Burnout“, aber da gab es auch Zeiten, in denen wir nicht besonders viel Freude hatten im Orchester. Das war Mitte der 90er-Jahre. Aber nach dem einen Jahr kam ich ganz frisch zurück und seither habe ich wirklich jeden Tag im Orchester genossen.

Woher kommst du ursprünglich und wie hast du dich auch persönlich verändert in deiner Zeit in Salzburg?

Ich bin Amerikaner und stamme ursprünglich aus Ohio. Ehrlich gesagt könnte ich es mir nicht mehr vorstellen, in Amerika zu leben. Was ich hier für ein Lebensgefühl bzw. für einen Lebensrhythmus habe, das wäre in Amerika alles nicht möglich. Ich gehe hier jede Woche zum Grünmarkt einkaufen, habe meine Marktfrauen und -herren, die mich kennen und das kann man alles zu Fuß machen. Mit 20 wollte ich unbedingt in New York leben, aber jetzt? Also ich bin gerne in New York, aber auf Dauer dort zu leben, wäre mir viel zu stressig. Salzburg hat zum Leben die ideale Größe. Verändert hat sich auch meine Sprache. Als ich nach Wien kam, konnte ich kein Deutsch. Das habe ich aber dann relativ schnell gelernt und nachdem ich ein Jahr in Salzburg war, bin ich zurück nach Wien, um meine Freunde zu besuchen, und die fragten: Eddie, was ist passiert? Du hast früher so schön Deutsch gesprochen und jetzt redest wie a Bauer.“

Wie fühlt man sich als junger Musiker, wenn man plötzlich alleine in einer neuen Umgebung ankommt?

Das war nicht schwierig, die Kollegen waren gleich sehr freundlich und direkt nach dem Probespiel hat mein Kollege, der Rudi Schamberger, gesagt „Bis du eine Wohnung findest, kannst du bei uns wohnen!“ Ich habe dann rund sechs Wochen bei ihm gewohnt. Im Orchester und auch in der Stadt Salzburg hatte ich wirklich nie das Gefühl, dass ich diskriminiert werde. Aber es hieß halt zu der Zeit auch, es gibt schlechte und gute Ausländer. Die Zeitungen haben diese damals als „südländische Typen“ bezeichnet. Das sagt man heute nicht mehr. Aber weil ich halbwegs gut Deutsch konnte und eine gute Stelle hatte, hatte ich nie ein Problem. Ich glaube, damals war auch alles noch ein bisschen lockerer. Ein bisschen weniger bürokratisch. Ich habe nie offiziell erfahren, dass ich mein Probejahr bestanden habe. Da kam nur: „Ach Eddie, du bleibst sowieso bei uns!“   

Wie haben sich in der langen Zeit die Menschen im Orchester verändert? Ist die jetzige, junge Generation der MusikerInnen anders als früher?

Rein technisch und musikalisch sind die jungen Leute besser vorbereitet. Das Orchester hat immer gut gespielt, aber früher waren wir viel mehr von der Qualität des Dirigenten abhängig. Früher war das so: Wenn da ein schlechter Dirigent vorne gestanden ist, dann haben wir auch entsprechend schlecht gespielt. Jetzt ist da, glaube ich, irgendwie ein bisschen mehr das Gefühl, dass wir immer toll spielen müssen. Ich habe Philipp Tutzer [Solofagottist des Mozarteumorchesters] und anderen Kollegen Geschichten aus der Vergangenheit erzählt, von Konzerten, die misslungen sind, und Phillip lacht dann immer und sagt: „So etwas können wir uns heute nicht leisten, die Latte liegt jetzt viel höher als damals!“ 

Inwiefern hat sich in den vielen Dienstjahren der Alltag im Hinblick auf den Dienst verändert? 

Ich habe in den 40 Jahren immer versucht, mein Bestes zu geben. In der Fagott-Gruppe gab es 27 Jahre lang keine personelle Veränderung. Wir wussten, wir können gut spielen, aber wenn es halt mal nicht perfekt war, dann wussten wir, beim nächsten Mal wird es wieder besser sein. Aber seit Philipp zu uns gekommen ist, muss jedes Konzert 100% sein. Um ehrlich zu sein, die letzten zwölf Jahre habe ich mehr geübt, als die 15 Jahre davor! Erstens bin ich natürlich ein bisschen älter geworden und manche Dinge muss man im Alter etwas mehr üben. Zweitens führt Philipp als Ausnahmetalent die ganze Gruppe in eine sehr gute Richtung.   

Verspürt man Druck, wenn man schon lange dabei ist und dann junge Kollegen dazukommen, die so gut spielen?

Nein, Druck nicht. Mein Ziel war es immer, bis zur Pension so gut zu spielen, dass die Kollegen nicht sagen müssen: „Eddie, es ist Zeit für dich zu gehen!“ Und das ist mir zum Glück gelungen, Gott sei Dank! Aber wenn man weiß, dass wirklich jedes Konzert super sein muss, dann entsteht Druck, aber im positiven Sinn! Man strebt dann wirklich nach mehr. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass alle meine alten Kumpels im Orchester in Pension sind und ich der Letzte bin. Jetzt bin auch ich Pensionist, das habe ich noch gar nicht wirklich begriffen, muss ich sagen. Erst jetzt habe ich gemerkt: „Wow, mein Terminkalender ist jetzt ziemlich leer.“ Was ich am meisten vermisse, ist, dass ich die Kollegen und Freunde nicht mehr täglich sehe.

Hat man als Musiker einen besonders intensiven Bezug zu seinen Kollegen?

Der persönliche Kontakt ist sehr wichtig. Ich kann es mir kaum vorstellen, mit jemandem zu musizieren, zu dem ich nicht „du“ sagen kann. Als ich angefangen habe, bestand die Hälfte des Orchesters aus älteren Herren, immer im Sakko mit Krawatte. Ich hatte nie sehr viel Beziehung zu denen, aber die Jüngeren, also auch ich damals, wir haben nicht nur intensiv miteinander gespielt, sondern auch gefeiert in den ersten Jahren. Ich nehme an, wir haben fast jeden Abend zusammengegessen und etwas getrunken nach den Proben. Und das ist sicherlich anders als in einem anderen Beruf, glaube ich. Aber das ist wahrscheinlich auch in einer Großstadt anders. Ich bin hier in acht Minuten zuhause, hatte früher dadurch immer die Möglichkeit, meine Tochter von der Schule abzuholen, und dann haben wir zusammen gegessen. Das ist sicherlich ein großer Vorteil in Salzburg und im Orchester. Musizieren ist eine intime und intensive Arbeit. Ich finde, man kann das nicht einfach locker machen, wir haben Beziehungen zueinander, die wirklich selten sind. Und du weißt, wenn du wirklich schön spielen willst, dann musst du deine Seele öffnen, wenn das nicht zu albern klingt.

Was hat sich für das Orchester in den letzten 40 Jahren am meisten verändert?

Am Anfang hatten wir bei vielen Konzerten oft weniger gute Gastdirigenten. Das war sicherlich eine Frage des Budgets. Als Ivor Bolton dann begonnen hat, habe ich ihn mal nach dem Mittagessen getroffen und er hat mir erzählt, dass er mit Helga Rabl-Stadler gegessen und sie ihm gesagt hat, dass sie alle so froh wären, dass er in Salzburg sei und ihn gefragt, was sie denn für ihn tun könnten, um es noch besser für ihn zu machen. Und er antwortete darauf: „Wir brauchen Geld für bessere Gastdirigenten.“ Ich muss sagen, wenn man bedenkt, dass wir heute Dirigenten wie Antonini, Pinnock und Ivor haben – das macht wirklich viel Spaß. Diese Dirigenten arbeiten wirklich mit uns, anstatt uns auszunutzen, um Karriere zu machen. 

Als Ivor gekommen ist, hat er gesagt, dass Sir Simon Rattle sein Vorbild als Dirigent sei. Er wollte in Salzburg das schaffen, was Rattle in Birmingham geschafft hat. Birmingham war wirklich kein großes Orchester und er hat die ganze Stadt zusammengeholt, einen Konzertsaal gebaut und das Orchester auf Weltniveau gebracht.

Ganz am Anfang waren viele Kollegen auch skeptisch gegenüber Frauen im Orchester. Da gab es – Gott sei Dank – eine sehr positive Entwicklung in den letzten Jahren. Mittlerweile sind mehr als ein Drittel der Mitglieder des Mozarteumorchester Frauen. Drei von vier in der Fagott-Gruppe sind weiblich, ebenso bei den Oboen und auch bei den Flöten ist das Verhältnis 50%. Das finde ich sehr positiv. Das ist ein Zeichen, dass die Gesellschaft heute doch weniger frauenfeindlich ist, als noch vor 40 Jahren.  

In welche Richtung kann sich die Klassikszene entwickeln. Wie steht es deiner Meinung nach in zehn Jahren um die Kultur?

Gestern war ich mit meiner Frau im Konzert (Anm. Mitte Februar) und sie sagte, dass das Publikum im Vergleich zu New York erstaunlich jung sei. Ich glaube, die Musikschulen sind hier sehr wichtig. Auch deshalb ist das Verständnis für die Musik heute größer. Oder auch die Blechbläser-Tradition in Österreich. Diese Tradition ist wahnsinnig stark. Unsere Posaunen-Gruppe zum Beispiel, das sind einfach tolle Leute, die alle ihren Weg über die Blasmusik gefunden haben. Und das wächst auch nach wie vor. Das ist sehr schön. Man lernt da auch, dass Alter eigentlich überhaupt keine Rolle spielt beim Musizieren. Wir haben immer gesagt: „Musik kennt kein Alter.“ Als ich 27 war und manche Kollegen über 60, haben wir einander menschlich und auch musikalisch immer gut verstanden. 

In Salzburg wird Kultur sehr stark gefördert. Ein Grund, warum ich glaube, dass das auch in Zukunft so bleiben wird, ist der Tourismus. Wir sind nun einmal die Mozartstadt. So lange klassische Musik ein Aushängeschild für die Stadt ist, wird es in diesem Bereich auch Unterstützung geben. Und die klassische Musik hat ohnehin ihre Berechtigung, weil es immer neue Facetten zu entdecken gibt, für die man sich ganz bewusst Zeit nehmen muss. Die Schlager, die ich dann im Taxi hören muss, sind dagegen schon sehr langweilig.  

Man sieht es ja auch bei Bewerbungen im Orchester. Wir haben überhaupt keinen Mangel an Bewerbungen bei freiwerdenden Stellen. Beim letzten Fagott-Probespiel hatten wir über 70 Bewerbungen, 25 sind gekommen und davon waren einige wirklich super! Wenn das Niveau so bleibt und auch die Orchester dadurch immer besser werden, dann ist die Hoffnung für die Zukunft sehr, sehr groß. Es freut mich auch, dass junge Dirigenten, wie Leslie [Suganandarajah] am Landestheater, so eine tolle Begabung zeigen.  

Was macht das Mozarteumorchester auch auf persönlicher Ebene so besonders?

Das Persönliche ist bei uns sehr besonders, wir sind ein Unikum, würde ich sagen. Das kommt daher, dass da zwei Sachen zusammentreffen. Zum einen ist Salzburg eine sehr kompakte kleine Stadt, wo man sich sowieso sieht. Man muss keine großen Pläne machen, um jemanden in Salzburg zu treffen. Zweitens, weil wir die Mozartstadt sind, ist das Orchester viel interessanter, als wenn wir in irgendeiner Industriestadt spielen würden. Auch musikalisch sind wir interessant. Es gibt so schöne Aufnahmen. Ich glaube wir können stolz sein auf das Orchester! Naja, und weil die Stadt so kompakt ist, sehen wir einander auch immer. Du kannst dein Leben ohne musikalische Freunde in Salzburg nicht führen. Die sind ja überall.

Für die Pension habe ich schon so einige Pläne. Das Fagott soll eigentlich nie weg. Vier Wochen vor meiner Pensionierung habe ich mir ein neues Instrument gekauft. Die Musik wird mich wohl auch in der Pension immer begleiten.