Rohrbau – ein unendlicher Prozess

Als Solo-Oboistin kennt die gebürtige Engländerin Sasha Calin die Herausforderungen auf der Bühne. Ebenso weiß die erfahrene Musikerin, dass der Erfolg eines Konzerts auch von dem richtigen Rohr abhängt. Im folgenden Eintrag erzählt sie, wie viel Arbeit dahintersteckt und welche Komponenten hier bedeutend sind.

Obwohl es manche Firmen gibt, die fertige Rohre herstellen, bauen fast alle professionellen Oboisten ihre Rohre selbst. Das liegt zum einen daran, dass fertig gebaute Rohre sehr teuer sind und zweitens möchte ich gerne die Kontrolle darüber haben, auf welchem Material ich spiele. Wenn ich es selber baue, kann ich beispielsweise die Haltbarkeit viel besser kontrollieren. Auch ist das Gefühl für Rohre sehr subjektiv, weil auch wir Menschen alle unterschiedlich gebaut sind und eine ganz unterschiedliche Luftführung oder Ansatztechnik haben. Baut man seine Rohre selbst, kann man alle Komponenten so justieren, wie man sie selbst braucht.

Das Rohre-Bauen nimmt aber tatsächlich sehr viel Zeit ein, ich glaube, ich verbringe damit genauso viel Zeit wie mit dem Üben. Im Schnitt würde ich sagen, ich brauche dafür an einem freien Tag zwei Stunden und durchschnittlich etwa acht bis zehn Stunden pro Woche. Der ganze Prozess, also bis ein Rohr tatsächlich fertig ist, dauert aber wesentlich länger.

Es beginnt damit, dass man die Holzstücke bearbeitet. Nach und nach kommen dann weitere Arbeitsschritte dazu, die ich unten noch genauer beschreibe. Zunächst warte ich, wenn möglich, ca. eine Woche, bis ich damit anfange zu schaben. Dann spielt man jeden Tag ein bisschen auf dem Rohr und beobachtet, wie das Rohr reagiert und schabt immer wieder etwas Holz weg. Im nächsten Schritt spiele ich das Rohr beim Üben ein und verwende es im Orchester. Weil aber auch die Begebenheiten in den Konzertsälen unterschiedlich sind, ist das ein unendlicher Prozess.

Die Arbeit beim Bauen der Rohre ist sehr exakt. Das beginnt schon bei der Auswahl des Holzes, das schön gerade (Holz und Fasern) sein sollte. Ebenso sollte es glänzend und schön goldig gelb sein. Über die Zeit wissen wir schon, was gut ist. Ist das Holz etwa zu weich oder zu hart, landet es gleich wieder im Müll.

 

„Wir arbeiten hier wirklich im Hundertstel-Millimeterbereich. Und von der Symmetrie der Rohre, bis hin zum Aufbinden beeinflusst alles die Funktionsfähigkeit eines Rohrs.“

Wir schneiden das Holz in kleinere Teile, bearbeiten es mit verschiedenen Hobeln und Schneidern. Alle kleinen Schritte haben immer Einfluss auf den Klang und die Intonation des Rohrs. Ebenso wie das Aufbinden. Das Rohr wird mit einem Baumwollfaden aufgebunden, die Farbe hat hierbei keine Bedeutung, das ist Geschmacks¬sache. Man passt die Länge des Rohrs an und versucht mit dem oben beschriebenen Abschaben noch etwas Holz wegzunehmen, um den Klang des Rohrs weiter zu verbessern. Wenn ich mein Rohr nicht richtig aufbinde, kann es passieren, dass einfach kein Ton mehr kommt, oder wenn es nicht symmetrisch ist, dass der Ton im Diminuendo bricht.

Es gibt natürlich auch noch Unterschiede im Hinblick auf Epochen, das heißt, man verwendet etwa für barocke Musik, die für den Ansatz oft sehr anstrengend ist, eher leichtere Rohre – auch weil der Klang schlanker sein darf und die Barock-Oboe weniger Widerstand hat. In der Klassik ist es einfach wichtig, dass das Rohr gut klingt, gut anspricht und auch stabil ist. In der Romantik braucht es beispielsweise bei Strauss oder Brahms ein Rohr, das einen vollen Klang und Kraft hat, damit man bei Bedarf über das ganze Orchester drüber spielen kann.

„Ich baue auch deswegen immer eher langsam, damit das Rohr länger hält.
Dann kann ich mindestens 10-20 Stunden auf einem Rohr spielen.“

Man muss aber auch immer wieder davon ausgehen, dass mal ein Rohr im Konzert kaputt geht. Dann kommt kein Ton mehr, man gibt automatisch mehr Luft und es kommt zur „Explosion“, das heißt, der Ton klingt zu spät und mit übertriebener Ansprache. Das ist mir zum Beispiel bei einem Konzert letztes Jahr passiert. Es gab einen langen Ton im langsamen Satz und der kam einfach nicht. Ich gab mehr Luft, es kam ein kurzer lauter Ton und danach nichts mehr. Ich hatte aber ein anderes Rohr eingeweicht. Ich sollte ergänzen, dass man die Rohre nicht einfach aus der Schachtel nimmt und darauf spielt. Im Optimalfall weicht und spielt man das Rohr vor einem Konzert ein. Wir waren aber mitten im Konzert. Ich habe das Rohr gewechselt und hatte vor der nächsten Stelle keine Ahnung, was kommen würde. Schön war‘s glaube ich nicht, aber ich musste ja spielen. Das kaputte Rohr ist danach sofort im Müll gelandet.

Im Gegensatz zu solchen Erlebnissen entsteht aber immer wieder auch mal ein außergewöhnliches Rohr. Ich kann mich an eins im Jahr 1999 und an eins 2014 erinnern. Mit denen hatte ich wirklich das Gefühl, es klappt alles.

Wenn ich ein Rohr erwische, das nicht funktioniert, dann beginne ich immer gleich zu schwitzen. Ich überlege sofort, was ich machen soll und schaue, ob es eine Möglichkeit zum Wechseln gibt und dann hofft man einfach, dass es besser wird. Aber ich muss ehrlich sagen, das kann sehr unangenehm sein. Ich glaube, Oboe spielen ist deshalb so anstrengend, weil man nie weiß, was kommt und was passiert. Unsere Herausforderung ist es eben auch, immer so viele Rohre zu bauen, dass wir mindestens ein Rohr haben, das für ein Konzert passend ist!