Verena Wurzer – Kontrabassistin

Seit 2018 ist Verena Wurzer am Kontrabass festes Mitglied des Mozarteumorchesters Salzburg. Wir haben mit der aus Kärnten stammenden Musikerin über den weiten Weg zu einer Festanstellung gesprochen. Sie erzählt unter anderem über ihr Rezept zum Erfolg und warum Schokolade, Traubenzucker und ein Kornspitz bei keinem Probespiel fehlen durften.

Mein Weg ins Mozarteumorchester

Zu meinem ersten Probespiel für eine Stelle im Mozarteumorchester bin ich im März 2015 angetreten und wurde in der Folge im Festspielsommer 2015 das erste Mal eingeladen, um zu substituieren.

Im Laufe der Jahre habe ich immer wieder substituiert und im Sommer 2017 sogar einen Zeitvertrag bekommen. Als dann die Tutti- Stelle ausgeschrieben wurde, setzte ich meinen Fokus auf die umfassende Vorbereitung auf den Tag des Probespiels.

Der Start in die Vorbereitung

Mir war sehr früh in meinem Studium klar, dass ich es ins Orchester schaffen möchte und danach richtet sich die Ausbildung und der Fokus. Sobald ich „probespiel-bereit“ war, fuhr ich in regelmäßigen Abständen, maximal drei Monate lagen immer dazwischen, zu verschiedenen Probespielen. Ein Probespiel ist eine Disziplin, die man leider nur in der Situation lernt. Ich war immer so gut wie möglich vorbereitet, um das Maximale herauszuholen und habe nach jedem Probespiel in Ruhe reflektiert, was bei der nächsten Vorbereitung oder im Probespiel selbst verbessert werden muss. Und dann ist es auch immer wieder wichtig, eine gewisse Zeit nicht an dem Programm für das Vorspiel, also den vorgeschriebenen Probespielstellen und dem Solo-Konzert, zu arbeiten, um ein wenig Abstand davon zu bekommen und wieder frisch in die nächste Vorbereitungsphase einzusteigen.

Viel Abstand ist sich in meinem Fall nicht immer ausgegangen, aber ein paar instrumentenfreie Tage und zwei Wochen ohne Dittersdorf, waren meistens drin. Spätestens sechs Wochen vor dem nächsten Probespiel begab ich mich in die heiße Phase, eine wahnsinnig intensive Zeit, die ich immer als meinen Tunnel bezeichnet habe. Genauso war das auch in Salzburg. Nachdem ich schon öfters im Mozarteumorchester vorgespielt hatte, kannte ich das gefragte Programm sehr gut, weil es sich über die Jahre nur minimal geändert hat. Und trotzdem war die Ausgangssituation dann eine andere, weil ich hier bereits ein paar Monate einen Zeitvertrag hatte und der Wunsch, in Salzburg zu bleiben, dadurch zusätzlich verstärkt wurde. Die Vorbereitungsphase wurde viel intensiver und ich wurde nochmal strenger zu mir beim Üben, weil ich natürlich alles „extra“ richtigmachen wollte. So wie man sich das selber vorstellt, funktioniert das – mit dem oft auch selbst auferlegten Druck – aber nicht immer.

Das Auf und Ab im Übe-Prozess

Es gibt immer wieder mal Phasen, in denen es nicht gut läuft, aber der Punkt, an dem plötzlich gar nichts mehr ging, kam bei mir jedes Mal etwa zehn Tage vor dem Probespiel-Termin. Obwohl dieser Punkt vor jedem Probespiel kam, wurde ich trotzdem jedes Mal aufs Neue davon überrumpelt und war verzweifelt. Als ich das realisierte, erlaubte ich mir einen Tag Selbstmitleid und begann am nächsten Tag damit, mein „Mindsetting“ zu ändern. Also raus aus der Vorbereitung, hinein in den Wettbewerb. In der Vorbereitung achtet man oft vor allem auf die Dinge, die noch nicht gut laufen, weil man ja vorankommen und sich verbessern will. Diese Gedanken habe ich mit dem „Mindsetting-Tag“ so gut wie möglich abgedreht. Dann habe ich mich darauf konzentriert, wieviel ich wieder dazugelernt habe, mich mental auf die Vorspielsituation vorbereitet, mein aktuelles Niveau akzeptiert und mir immer wieder gesagt, dass ich nur so gut vorspielen kann, wie ich es eben kann. Mir war immer klar, dass am Tag des Probespiels keine Wunder passieren werden und so war mein einziges Ziel fürs Vorspiel, so zu spielen, wie ich es kann und entweder es reicht dann, oder nicht. Dann muss ich weiter an mir arbeiten. Dass die Nerven blank liegen, passiert aber immer wieder, das gehört einfach zur Vorbereitung auf so einen wichtigen Tag dazu.

 

Tägliche Routine

Wenn man „nur“ studiert, hat man Zeit, immer wieder mal etwas anderes zu üben und sich mit anderem Repertoire und anderen Themen zu beschäftigen. Viele StudentInnen haben für Probespiele dann auch einen genauen Übe-Plan, einen Tagesplan, sozusagen einen Trainingsplan, auch um Pausen, die für den Körper wichtig sind, einzuplanen. Das ist total sinnvoll, bei mir war das aber alles immer anders. Nachdem ich bei keinem einzigen Probespiel angetreten bin, ohne nebenbei in einem Orchester einen Zeitvertrag zu haben, war der einzige Plan, an den ich mich hielt, jede freie Minute zum Üben zu nutzen und regelmäßig zum Unterricht zu fahren. Spätestens sechs Wochen vor dem Vorspiel war ich also in meinem Tunnelzustand und habe dann nur noch Dinge gemacht, die fürs Probespiel gut sind und Dinge die mich schwächen so gut wie möglich vermieden. Viel und gut zu schlafen ist für mich wichtig, denn je mehr man übt, desto mehr Schlaf braucht der Körper und vor allem auch der Kopf, um alles zu verarbeiten und zu speichern. Außerdem auch Massagen und regelmäßige Bewegung und Sport, weil ich meinen Körper für diesen anstrengenden Tag stärken musste und der Ausgleich zum stundenlangen Üben für den Körper wichtig ist. In der letzten Woche ging es dann vor allem darum, mich zu beruhigen und mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Gerade die Vorbereitung in den letzten Tagen ist sehr individuell, mir hat es da immer gutgetan, alles langsam noch einmal zurückzuholen und viel Ruhe durch die Atmung zu bekommen. Lange Spaziergänge, gutes Essen und alles, was einem in dieser Zeit guttut, hilft, auch die nötige Ruhe für diesen herausfordernden Tag zu bekommen. Am Tag vor dem Probespiel habe ich ausgeschlafen und bin ganz ruhig und langsam alles noch einmal durchgegangen.

 

Der Probespieltag – Die Leistung auf den Punkt bringen

Am Tag des Probespiels bin ich mit einem Ruhepuls von ungefähr 200 aufgewacht. Man wacht auf und weiß, dass der Moment, auf den man sich so lange vorbereitet hat, jetzt da ist. Und wie bei jedem Probespiel war mir extrem übel am Morgen. Dieses Gefühl und die größte Anspannung, beides hat dann aber beim Einspielen am Instrument aufgehört.

Ich habe mir meine eigene Probespiel- Routine geschaffen, die ich bei jedem Probespiel durchgezogen habe. Nachdem sie beim ersten Probespiel ganz gut funktioniert hat, wollte ich daran nichts ändern. Vielleicht bin ich da auch ein bisschen abergläubisch, aber man reist in verschiedene Städte, zu verschiedenen Orchestern und spielt in verschiedenen Sälen vor und obwohl die Situation immer ähnlich ist, ist sie doch jedes Mal komplett anders. Da wollte ich mir dann halt meine eigene stabile Blase, in der immer alles gleich ist, mit meinen eigenen Ritualen und Dingen, die ich kannte, schaffen, damit nicht immer Alles anders ist. Eine „mini-comfort-zone“ sozusagen in einer eigentlich nicht so komfortablen Situation. Ganz wichtig war mir jedes Mal mein schon zum Standard gewordenes Ess-Paket. Dazu gehört etwas Schokolade als Belohnung, Nüsse fürs Hirn, Traubenzucker und Bananen für den Zuckerspiegel und ein Kornspitz für den Hunger. So ein Probespiel kann ja schon mal länger dauern und man steht den ganzen Tag unter Strom. Diese nervliche Belastung kostet den Körper extrem viel Energie. Darauf sollte man vorbereitet sein.

Außerdem war es mir sehr wichtig vor dem Vorspiel früh vor Ort zu sein. Im Studium lernt man sehr gut, wie lange es braucht, um sich vorspiel- bereit zu fühlen und gut zu klingen. Das waren bei mir rund eineinhalb Stunden, dann waren ich und das Instrument warm und ich habe gemerkt, dass es gut funktioniert. Ein angenehmer Nebeneffekt, wenn man sich früh zu einem Probespiel einfindet, ist die Ruhe. Es ist kaum jemand da und man kann ganz in Ruhe seine Nervosität Ton für Ton wegspielen und wegatmen. Ich habe im Einspielzimmer immer viel geatmet. Langsam und so tief wie möglich in die Bauchgegend atmen nimmt Anspannung und beruhigt den Puls.

Die verschiedenen Runden

An die erste Runde können sich, glaube ich, die wenigsten erinnern, gerade weil man so voll Adrenalin ist. Nachdem ich unglaubliche Angst vor meinem ersten Probespiel hatte, habe ich mich auf alles, was passieren kann, vorbereitet. Mich also auch mental gestärkt und trainiert, wie sich der Kopf in der Situation verhalten muss, um den Körper nicht zu blockieren. Ich habe viele Bücher gelesen und glaube zu verstehen, was hilfreich ist und ich bin sehr dankbar, dass das gewirkt hat und mein Nervenkostüm bei Probespielen immer sehr stabil war. „Im Moment zu sein“ ist einer dieser Schlüsselbegriffe, die man immer wieder hört. Das ist so viel leichter gesagt als getan. Wie es im Detail gelaufen ist, konnte ich danach nie wirklich sagen. Aber wenn ich ein eher gutes Gefühl hatte, dann war die Leistung auch immer gut und ich bin meistens aufgestiegen. Ob man wirklich eine Runde weiterkommt, kann man selber ja nur bis zu einem gewissen Grad beeinflussen. Ich habe mich in der Vorbereitung und vor allem kurz vor der ersten Runde immer nur darauf konzentriert, was ich tatsächlich beeinflussen kann und das ist nun mal nur die eigene Leistung. Nichts Anderes! Viele denken immer viel zu weit und das nimmt unnötig den Fokus vom Wesentlichen. Bei meinem erfolgreichen Probespiel in Salzburg hatte ich nach der ersten Runde, die übrigens hinter einem Vorhang stattfindet, das Gefühl, das dürfte passen und habe mit dem Kornspitz und einem kleinen Spaziergang in der Sonne die Speicher wieder aufgefüllt. In der zweiten Runde waren wir nur mehr zu zweit übrig und da war mir dann sehr klar: jetzt geht es wirklich um alles und ich habe innerlich einen starken Adrenalinschub verspürt. Diese Energie habe ich versucht zu nutzen und bin in den letzten zehn Minuten noch einmal die zu spielenden Orchesterstellen durchgegangen. Dann habe ich mir ganz laut mein Motivationslied angehört und mich im Einspielzimmer locker geklopft, mitgesungen und freigetanzt. Für viele ist es schwieriger, bei einem Orchester vorzuspielen, das einen bereits gut kennt. Bei mir war es eher das Gegenteil. In der zweiten Runde in einen Saal ohne Vorhang zu kommen und in der Probespielkommission Menschen zu sehen, die man kennt und gerne mag, hat mir eher geholfen. Man kennt die Stimmung, die Leute – da war bei mir durch die Anwesenheit der KollegInnen die Angst weg.

Am Ziel

Als ich das Probespiel gewonnen hatte und mir die Stelle angeboten wurde, war ich natürlich glücklich und sehr erleichtert. Aber es hat sich auch sehr unecht angefühlt. Man stellt sich dieses Gefühl sehr lange vor, weil man ja so lange auf genau diesen Moment hinarbeitet. Und dann ist es passiert und du hast die Stelle und ich dachte mir: aha. Dass ich das Probespiel gewonnen habe, wurde mir erst ein paar Tage später so wirklich klar. Man bereitet sich ja so lang darauf vor und kann das nicht so schnell realisieren. Das braucht schon auch Zeit.

Stelle gewonnen, was dann?

Dann kommt etwas, worauf man sich nicht vorbereiten kann. Das Probejahr läuft sicher für jede und jeden etwas anders ab, aber was da bei mir emotional passiert ist, hat mich leicht überfordert. Ich bin zwei Wochen nach meinem Probespiel in mein Probejahr gestartet. Das Gefühl kennen sicher alle, die beispielsweise lange auf eine Prüfung hingearbeitet haben. Der Tag der Prüfung kommt und danach ist da erstmal nichts, es folgt eine Leere. Man braucht ein neues Ziel. Mit so einem Gefühl der Leere bin ich in mein Probejahr gestartet, das war wirklich eine Herausforderung. Die intensive Vorbereitung, das Probespiel – und dann relativ zügig ohne Verschnaufpause ins Probejahr. Das war sehr viel für mich. Als ich im Sommerurlaub alleine verreist bin und etwas Zeit zum Durchschnaufen hatte, habe ich wieder etwas mehr Ruhe und Kraft gefunden.

Im Probejahr wird einem natürlich auf die Finger geschaut und man überbewertet auch selber viel in dieser Situation. Alles, was einem selber negativ auffällt, müssen die KollegInnen ja nicht unbedingt bemerken. Man nimmt selber alles sehr stark wahr, beginnt über abstruseste Sachen nachzudenken und hat auch schon mal ein schlechtes Gewissen, wenn man in einer Probe versehentlich gähnt. Ich bekam von meiner Gruppe im Probejahr die Möglichkeit, erstmal selber an Dingen zu arbeiten. Alles muss einem ja auch nicht gesagt werden, weil man während den Proben auch auf Vieles selbst draufkommt. Manche Wünsche werden von den KollegInnen geäußert, an denen man dann arbeiten kann und ein natürlicher Prozess der Anpassung passiert auch automatisch, wenn man über einen längeren Zeitraum im selben Klangkörper arbeitet. Es war ein langes Jahr für mich, aber ich habe diese Zeit auch gebraucht. Vielleicht fühlt es sich in dem Moment auch deshalb so lange an, weil es der letzte Step zur fixen Stelle ist. Man hat mit dem gewonnenen Probespiel diese scheinbar unüberwindbare Hürde geschafft und muss dann durchs Probejahr und noch intensiver an sich weiterarbeiten.

Der Einfluss der Instrumentengruppe

Ich bin zum Glück Teil einer sehr feinfühligen Gruppe geworden, die auch schnell kapiert hat, dass ich emotional zeitweise etwas überfordert war mit der Situation. Gerade Brita (Bürgschwendtner) und Martin (Hinterholzer) waren da sehr unterstützend. Die haben schnell bemerkt, was los ist. Auf liebevolle Art und Weise hat die Gruppe probiert, mir den Stress zu nehmen und mich trotzdem gut einzuschulen. Es ist ja auch wichtig, dass ich immer weiter lerne, mich anpassen kann, und mich gut in die Gruppe einfüge.

Die persönliche Entwicklung

Als Mittzwanzigerin durfte ich mich in diesem Prozess selber sehr gut kennen lernen. Viele Situationen waren rückblickend nicht leicht, dafür habe ich viele Facetten von mir als Mensch kennengelernt und dafür bin ich jetzt sehr dankbar. Es sind vor allem die Extreme des eigenen Charakters, die man in diesen Ausnahmesituationen kennenlernt. Ich denke, dass die meisten Menschen solche Situationen kaum erleben. Ich war zeitweise natürlich auch überfordert damit, wie ich und mein Körper reagiert haben. Gleichzeitig habe ich mich einfach damit beschäftigen müssen, weil es ja um so viel geht. Jetzt weiß ich sehr viel besser, wie ich auf Extremsituationen reagiere, woher diese Reaktionen kommen und wie ich damit umgehen kann. Ich kenne mich jetzt so gut und bin dadurch total zu mir gekommen und das ist nicht nur für die Musik sehr viel wert, sondern für das ganze Leben.

Warum es das alles wert war

Es gibt im Orchester immer wieder so Momente, in denen alles zu einem großen Ganzen verschmilzt und ich einfach nur glücklich und dankbar bin, dass ich Teil von sowas Schönem sein darf. Als ich zum Beispiel bei Leonard Bernsteins „Mass“ mitten in diesem Orchesterklang gesessen bin, das war ein unbeschreibliches Gefühl und da wird auch schon mal das ein oder andere Tränchen verdrückt. Es sind so intensive Emotionen, die einen erfüllen. Da weiß ich, warum es das alles wert war und freue mich, dass ich den schönsten Beruf der Welt habe.

Herzlichen Dank an unseren Posaunisten Thomas Weiss für die Initiative und Umsetzung des Backstage Blogs!